Kranichsteiner Literaturpreis 2018
an Thomas Lehr



 

 

Kranichsteiner Literaturpreis 2018


Der vom Deutschen Literaturfonds vergebene und mit 20.000 Euro dotierte Kranichsteiner Literaturpreis geht in diesem Jahr an Thomas Lehr. In der Begründung der Jury, der Bettina Fischer, Wilfried F. Schoeller und Christine Wahl angehören, heißt es:

„Der in Speyer 1957 geborene, heute in Berlin lebende Autor zahlreicher Romane und Geschichten schreibt sich mit seinem Werk, vor allem mit dem zuletzt erschienenen Großroman ‚Schlafende Sonne‘, wie kaum ein anderer deutscher Autor in die Fazilitäten der Moderne ein. Er bildet aus intellektuellen Abenteuern, philosophischen Beständen, naturwissenschaftlichen Kenntnissen und seinem besonderen Epochenverständnis ein überwältigendes sprachliches Kunstwerk, das den romantischen Traum vom Universalroman noch einmal aufnimmt. Im Patchwork aus privatem und aus öffentlichem Material führt Lehr eine Dreierkonstellation vor, die sich dem Spiel der Andeutungen, der literarischen Parallelführung, der Liebe und der Liebe zum Buch im Buch, der heiteren Freude und den schwirrenden Sinnen widmet. Wissenschaft und Literatur sollen erneut verschmolzen werden.

Thomas Lehrs Bücher sind Herausforderungen an die Leser – wie alle Gebilde aus Welt und Sprache; sie beschenken den Lesemutigen mit dem Versprechen, dass diesem Buch eines klug ausgreifenden Erzählers zwei weitere Teile folgen werden.“

Der Preis wurde am 16. November 2018 im Literaturhaus Darmstadt überreicht.

 

Laudatio auf Thomas Lehr von Meike Feßmann

Die Laudatio wird in der Ausgabe 2 (März/April ) / 2019 der Zeitschrift "Sinn und Form" veröffentlicht.

 

Dankesrede zum Kranichsteiner Literaturpreis 2018

Sehr geehrter Herr Kässens, Sehr geehrter Herr Busch, Sehr geehrter Herr Nickel, Liebe Meike Feßmann, Liebe Jurymitglieder, Liebe Gäste,

Wenn ich durch die Ehre des Kranichsteiner Literaturpreises die Gelegenheit erhalte, vor den Vertretern des Deutschen Literaturfonds zu sprechen, dann will ich sie unbedingt nutzen, um ein dankbares Lob zurückzugeben. Für mich und für so zahlreiche Schriftstellerkollegen stellt das Stipendium des Literaturfonds die bestmögliche Förderung dar, die man während der Arbeit an einem künstlerischen Projekt erhalten kann. Das liegt daran, dass sie zugleich dezent und kundig ist: Man muss außer seiner schriftstellerischen Arbeit keinerlei Kunststückchen vorführen, sich nirgendwo anders hinbegeben als in das eigene Arbeitszimmer, und man weiß, dass man von einer qualifizierten Jury unter einer großen Bewerberzahl ausgewählt wurde. Das ist in einer Phase, in der man von der Fertigstellung des Werks, von anderen Auszeichnungen, manchmal sogar auch von der Publikationsmöglichkeit noch weit entfernt ist, eine große Ermutigung und materielle Erleichterung zugleich, ein wunderbarer pränataler Glücksfall, wenn ich so sagen darf.

Sehr erfreut und berührt hat mich auch die emphatische Kurzbegründung der Jury in der Presseerklärung zum Kranichsteiner Preis. Mit der Formulierung, dass ich ein sprachliches Kunstwerk geschaffen habe, das den romantischen Traum vom Universalroman noch einmal aufnehme, brachte sie mich aber auch zum Nachdenken und dann gleich auf das weit gefasste Thema dieser Dankesrede. Im Athenäumsfragment 116 von Friedrich Schlegel heißt es also:

Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. … Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen.

Eigentlich habe ich dem nichts hinzuzufügen – außer der Hoffnung, dass mir etwas Ähnliches gelingen möge. Ich frage mich nur, ob Schlegel genügend an die Politik und die Philosophie gedacht hat. Aber wenn man über die Gesellschaft spricht, die poetisch werden soll, und den Rahmen des gediegnen Bildungsstoffes etwas dehnt, dann passe ich ganz fröhlich hinein in dieses poetologische Programm.

Damit kann man allerdings schon mal Anstoß erregen. Bei der recht generell verfahrenden Longlist-Lesung zum Deutschen Buchpreis 2017, die das Publikum mit zwanzig Autorenlesungen à zehn Minuten hintereinander weg zu sättigen versuchte, fragte mich die Moderatorin zum Eingang: “So, Sie sind also ein Schriftsteller mit Universalanspruch?“ – Sie meinte das nicht als Kompliment, ja ich fürchte, sie meinte es überhaupt nicht gut mit mir. „Universalanspruch?“, erwiderte ich, „nun ja, eigentlich sollte den jeder anständige Autor haben.“ So kam es wenigstens zu einer Schwingung des Humors.

Ganz ernsthaft meinte ich meinen Universalismus in diesem Zusammenhang auch nicht. Ich bin als Kunstkritiker, das heißt als Leser offen für alle möglichen Ansätze, Teilansätze, Spezialansätze. Ich mag Tolstoi und Tschechow, Proust und Kafka, Joyce und Lichtenberg, Rilke, Updike und Pynchon – und noch einige ganz andere, weniger kanonisierte Autoren. Als ästhetischer Demokrat halte ich viele Poetiken für möglich und brauchbar, denn ich fasse sie instrumentell auf, nicht dogmatisch. Poetiken sind persönliche Maximen für den Einzelkünstler, nicht Normen für die Gesamtkunst. Die Kunst insgesamt mag eine Aufgabe haben, der einzelne Künstler aber hat die Aufgabe, sich keine geben zu lassen – und die Freiheit, sich selber eine zu stellen. Folglich kann er über das Universum schreiben oder über ein Sandkorn, über den Himmel oder eine einzelne wilde Blume darunter, Hauptsache, es gelingt und er oder sie schafft ein berührendes Werk.

Was mich selbst anbelangt, so stelle ich mir zugegebenermaßen ziemlich universelle Aufgaben. Je älter ich werde, desto universeller, wollte ich fast sagen – allerdings hoffe ich auf ein sehr, sehr kurzes Alterswerk. Das Universelle aber liegt für mich in der Natur des Romans begründet, als eine seiner größten Potenzen. Ich wollte deshalb immer weniger Autor oder Schriftsteller werden als Romancier. Einen Roman schreiben zu können oder gar mehrere, war von Anfang an, von der ersten professionell werden wollenden Zeile an, die ich schrieb, das künstlerische Ziel.

Wärme ein Küken – es wird kalt. Rühr dich nicht – und du sinkst auf den Seegrund wie ein Stein … Lass den Ast los, du stürzt zu Boden. Fasse an den Ofen – du verbrennst dich, auch wenn du in der ersten Sekunde glaubst, deine Finger machten eine Ausnahme und seien nur gerötet. Was konnte man tun? Gab es dafür keinen Beruf?

So hieß es in meinem Debüt Zweiwasser oder Die Bibliothek der Gnade über die Wahrnehmung eines Zehnjährigen. Am Anfang steht die Wahrnehmung von Welt als hermetische Totalität, verbunden mit dem Gefühl, darauf reagieren zu wollen, das sich später steigert und mit der Erkenntnis paart, dass es keine einzelne Disziplin gibt, die der Totalität entspricht, und bald auch, dass vielleicht die Erkenntnis allein noch nicht unbedingt der Trost wäre, den man suchte. Die Entdeckung der Literatur als lesendes Kind, als lesender Jugendlicher und junger Erwachsener machte es dann immer klarer, dass es eine kulturell approbierte Reaktion auf den großen hermetischen Zusammenhang gibt. Keine Kunstform schien mir die Totalität der Welt besser spiegeln zu können als der Roman, der wenigstens im zeitlichen Sinne das anspruchsvollste Kunstwerk darstellt. Denn er verlangt oft jahrelange, manchmal jahrzehntelange Arbeit des Künstlers und er nötigt dem Betrachter, dem Leser, maximale Aufmerksamkeit und Mühe ab, schließlich muss er für kaum ein anderes Kunstwerk zwanzig, vierzig oder noch mehr Stunden schier ungeteilte Aufmerksamkeit aufbringen. Da kann ein Universalanspruch schon allumfassend nerven …

Wenn ich über die tiefer liegende Wurzel des Universalanspruchs nachdenke, dann komme ich auf die Vermutung eines anthropologischen oder vielleicht besser eines magischen Grundbedürfnisses, die komplette Lebenswelt gespiegelt zu sehen und sich dadurch ihrer symbolisch zu bemächtigen. Die Lebenswelt ist uns in einer unfasslichen Totalität gegeben, die umso ungeheuerlicher erscheint, je sensibler man sie wahrnimmt. Ein Mensch fühlt sie – eine Romanfigur kann diese Empfindung fast perfekt wiedergeben. Jeder von uns steckt in einer wahrhaft faustischen Universalität, schon wenn er morgens (damit hätten wir Zeit und Chronologie) sich ins Badezimmer begibt (also den mindestens vierdimensionalen Raum durchquert), das Licht (um Himmels willen!) anschaltet, sich vor das optische Wunderwerk des Spiegels stellt, sein Gesicht erscheinen sieht (im Prinzip die Krone der Biologie, das Ergebnis von Millionen Jahren Evolution, im Einzelfall vielleicht ein eher zweifelhaftes Resultat), das Bewusstsein und damit mindestens dreitausend Jahre Selbstbewusstseinsphilosophie anschaltet und dann noch womöglich das Radio, das ihm die Nachrichten vorspielt … Nur zur Not kommen Sie hier noch mit einem Gedicht hin.

Das Universell-Sein-Wollen schafft natürlich besondere Probleme, auch wenn Thomas Mann sagt, nur das Ausführliche sei wirklich unterhaltsam. Man muss das Schlegelsche Verschmelzen und Vermischen lernen – so dass sich möglichst viel Genialität und Witz und Gesellschaftlichkeit einstellen, dann funktioniert es schon, einen offenen und wagemutigen Leser bei Laune zu halten. Allerdings darf man nur wenige mathematische Formeln verwenden, schließlich ist der Roman keine Wissenschaft, hier gilt, glaube ich, der Döblin-Pynchon-Standard von einer physikalischen Gleichung pro Lebenswerk (ich habe mein mathematisches Pulver also bereits in meinem Roman 42 verschossen). Freilich kann der Roman Wissenschaft verwenden, wie der postromantische Robert Musil sagte, oder sie auf Schlegelsche Weise verschmelzen und vermischen. Er sollte das auch tun, meiner Meinung nach, weil wir heutzutage die Welt ohne die Wissenschaften nicht nur mehr nicht begreifen, sondern noch nicht einmal mal zutreffend bemalen oder beschreiben können. Als Romancier betreibe ich keine Wissenschaft, sondern ich betrachte sie und ich betrachte mit ihrer Hilfe. Ich nutze ihr Röntgenpotential, um tiefer zu schauen, und ich sehe sie als Täterin zum Guten wie zum Dubiosen oder gar Bösen in der technisch und industriell geprägten Welt.

Was ist eigentlich noch ein Roman, wenn man die Welt so enzyklopädisch sieht? Was ist ein moderner oder gar postmoderner universeller Roman? Welchen Standards darf, soll, muss, er genügen? Als Anhänger der demokratischen Methode – in Kunst und Welt – suchte ich lange Zeit nach einer einfachen und doch möglichst offenen Definition. Schließlich kam ich darauf zu sagen: Ein Roman ist ein vorwiegend prosaischer Text, der mit Hilfe von Figuren erzählt. Das ist wohl nahe an Schlegels Forderung, die Poesie lebendig und gesellig zu machen. Für mich sind die Romanfiguren, die Repräsentanten wirklicher oder erfundener Menschen, die wichtigsten Untersuchungsinstrumente, sie sind U-Boote, Sonden, Satelliten, Drohnen und Avatare. Sehen Sie die Welt mit den Augen eines Arztes, eines Frontsoldaten, eines Dichters, eines Pubertierenden, eines Wahnsinnigen, eines Physikers, eines Flüchtlings, eines Kindes, einer Ministerin, einer Philosophin, einer Künstlerin – und schon erhalten Sie ein schillerndes Geflecht. Figuren sind aber auch die Musikinstrumente des Romanorchesters, das heißt, über das dramatische Netz ihrer Erlebnisse und Beziehungen laufen die großen Melodien und Harmonien, die eine greifbare sinfonische Gestalt ergeben, und auch das ist etwas, das ich von einem Roman verlange oder in einen Roman hineinlegen will, damit er zu einem Lesevergnügen oder Leseabenteuer werden kann.

Die Musik des einundzwanzigsten Jahrhunderts muss natürlich neu sein, und doch basiert sie auf der zahlreicher früherer Jahrhunderte. Ich denke, Schlegels Programm hat eine Resonanz in der Vergangenheit und in der Zukunft. Poetologische Äußerungen in Literaturzeitschriften waren wohl eine Erfindung des späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhunderts. Was das Athenäumsfragment 116 forderte, haben jedoch bereits die umfassenden, universellen Erzählprogramme von Homer, Vergil, Ovid, Shakespeare oder Dante verfolgt. Das Universelle, der große subjektive Weltspiegel eines einzelnen Autors, kann in Form von Monumentalwerken oder einer größeren Folge von Einzelwerken zu Geltung kommen. Bei den meisten modernen Autoren – jenseits von Proust oder Musil – setzt sich der Spiegel aus Einzelstücken zusammen. Aber auch in der Moderne bleibt die Fabrikation von komplexen Monumenten reizvoll, insbesondere wenn man neue Formen der Großerzählung entwickeln kann.

Mit meiner Romantrilogie, deren erster Band Schlafende Sonne von diesem Haus so freundlich gefördert wurde, strebe ich ein gewisses Extrem an, das konnte ich noch nicht einmal vor mir verheimlichen. Anscheinend treibt mich ein universelles Verlangen zur großen Leinwand. Aber was auch immer man mir nachsagt: Ich bin keineswegs frei von Furcht. Was mich in den häufigen Momenten des Zweifels dann aber doch wieder voranbringt, sind innerhalb des Werks eben die Figuren, die ohne mich sterben müssen und mittlerweile einen enormen Überlebenswillen entwickelt haben. Außerhalb des Werkes sind es aber die Leser und Kritiker, die mir sagen, dass ich etwas schaffen konnte, das sie erreicht und die gerne einmal eine Leiter hochsteigen, um durch ein universelles Teleskop schauen zu können.

Bewusst habe ich an diesem Ort, an dem man in einer Feierstunde wohl einmal unbekümmert über die Formcharakteristik der Literatur nachdenken darf, nicht näher über den moralischen Aspekt des Universalismus gesprochen. Aber es ist klar, dass der erweiterte Blick, das Emphatische, das Eingehen auf unterschiedlichste Lebenssituationen an unterschiedlichsten Orten und Zeiten, zwar noch keine spezielle Moral und glücklicherweise auch noch keine dezidierte Politik erschaffen kann – aber doch die ethischen Voraussetzungen für dergleichen. Meine universelle Literatur steht für den Universalismus der Menschenrechte, und das Romanprojekt der Sonnentrilogie, das sich demnächst mit der Einrichtung des Völkerbundes im Jahre 1920 beschäftigt, soll auch eindringlich an das Engagement für deren Durchsetzung im Rahmen einer globalen Demokratie oder wenigstens eines zivilisierten Miteinanders erinnern, das uns in der derzeitigen schier weltweiten Verstimmung leider schon recht utopisch erscheint.

Eine kurze Anmerkung zum Schluss kann ich mir nicht verkneifen: Ich würde nicht die progressive Universalpoesie Schlegels schreiben, wenn Friedrich Schlegel nicht darin vorkäme. In Band zwei taucht auch er auf, mit gediegnem Witz behandelt, versprochen…

Thomas Lehr, Oktober 2018

 

Kranichsteiner Literaturförderpreis

Für den Kranichsteiner Literaturförderpreis nominierte die Jury Gianna Molinari, Leander Steinkopf und Karosh Taha. Alle drei Kandidaten haben sich am 16. November um 11:30 Uhr in einer öffentlichen Lesung in der Eleonorenschule in Darmstadt um den mit 5.000 Euro dotierten Preis der Fachjury bewerben. Mit ihren jeweils noch unveröffentlichten Textauszügen stellten sie sich gleichzeitig dem Urteil ei­ner Schülerjury. Diese vergab, unabhängig von der Entscheidung der Fachjury, einen Preis in Höhe von 1.000 Euro.

Mit dem Preis der Fachjury wurde Gianna Molinari ausgezeichnet. Den Preis der Schülerjury erhilet Leander Steinkopf.

 

Aufenthaltsstipendien

Die Jury hat weiterhin zwei Aufenthaltsstipendien des Deutschen Literaturfonds vergeben:

Das 10-wöchige Aufenthaltsstipendium im Deutschen Haus der New York University erhält in diesem Jahr die in Berlin lebende Autorin Nina Bußmann.

Das ebenfalls 10-wöchige London-Stipendium an der Queen Mary University sprach die Jury Jens Wonneberger zu, der in Dresden lebt.

Alle Preise wurden am 16. November um 19 Uhr im Literaturhaus Darm­stadt überreicht.

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

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